Science Fiction “live”

Eine weitere Begebenheit (eigentlich sogar zwei) ergaben sich ebenfalls in der Zeit, als ich bei der Bundeswehr Dienst tat.
Es stand eine sogenannte 36 Stunden-Übung an. Bei diesen Übungen wurde für ca. 36 Stunden ein bisschen Krieg gespielt, mit viel Aufwand, Rauch, Knall und Bumm und vor allem wenig Lust dazu. So auch im November 1977.
Es war Mitte November, nass und kalt, etwas um den Gefrierpunkt herum und wir fuhren in ein Gebiet in Schleswig Holstein, das wir, die Wehrpflichtigen, vorher nicht kannten. Dort wurde das ganze Material ausgeladen und aufgebaut. Ich war als “Funker” tätig, also im Fernmeldebereich. Dort musste ich mich um die Kommunikation der einzelnen Betriebsteile meines “Zuges” kümmern. Natürlich gab es auch etwas “Abwechslung”, und zwar in Form von “Wache schieben”.

Davor konnte sich niemand drücken und ich natürlich auch nicht. Meine Zeit für die Wache war von 00:00 Uhr bis 02:00 Uhr morgens. Dazu musste ich mich in einen Graben stellen, den wir einige Stunden zuvor ausgehoben hatten. Das gehörte ebenfalls mit zu den Tätigkeiten, die dort zu erledigen waren. Nachdem man uns morgens um 04:30 Uhr geweckt hatte, um mit der Übung zu beginnen, war dann um 00:00 Uhr der Tag schon ziemlich lang gewesen und ich hatte nun wirklich keine Lust mehr, mich in der Kälte und dem Regen in dieses Loch zu stellen und Wache zu halten. Der Regen hatte natürlich auch prompt kurz vor meinem Dienst eingesetzt und so wurde das Ganze nur noch unangenehmer.

Ich löste meinen Vorgänger ab, der sichtlich erleichtert war und stellte mich in die Grube. Entsprechend den Gegebenheiten versuchte ich mich so gut es ging mit mir selbst zu beschäftigen, denn ich musste ja auch notfalls Alarm geben, wenn die Feinde (das waren die “Blauen”, während wir die “Roten” waren) auftauchten.
Also quälte ich mich die erste Zeit in diesem Loch herum und sah bestimmt ein Dutzend mal auf die Uhr. Aber die Zeit wollte einfach nicht so, wie ich wollte. Ich sah wiedermal auf die Uhr und es war erst 00:05. Bei dem Wetter und ohne Unterhaltung oder sonstige Ablenkung würde das einfach nur gruselig werden. Da sagte ich zu mir selbst, ohne zu wissen, warum eigentlich: “Wenn ich das nächste Mal auf die Uhr schaue, ist es fünf vor zwei!”

Dadurch wurde es aber auch nicht besser. Es regnete, es war feucht und sehr kalt. Ich schaute zum x-ten mal auf die Uhr… und es war – fünf vor zwei!
Ich konnte es nicht glauben, schaute nochmal und nochmal drauf, aber es war fünf vor zwei. Ich vermutete, dass ich meine Uhr versehentlich verstellt hätte, aber dann kam auch schon meine Ablösung. Es war fünf vor zwei! Die Zeit war vergangen! In dem Moment wurde ich fit wie sonstwas. Ich glaube, ich war der einzige, der morgens zum Sonnenaufgang noch gut drauf war. Alle anderen hingen schon mächtig in den Seilen. Was war geschehen? Ein Zeitsprung?
Ich versuchte darüber nachzudenken, fand aber keine Lösung. Vielleicht war ich einfach nur eingeschlafen, aber das konnte auch nicht sein. Erstens hätte ich im Stehen schlafen müssen, ohne umzufallen und das über fast 2 Stunden lang, und zweitens wurden die Wachposten regelmäßig kontrolliert. Hätte man mich schlafend vorgefunden, hätte ich den Anschiss meines Lebens bekommen und wäre wohl zu mehreren Wochenenden Strafdienst verurteilt worden. Aber es war alles in Ordnung. Es blieb ein Rätsel…

Aber der Tag war ja noch nicht zu Ende!
Nachdem die Übung zu Ende gegangen war, durften wir ins Wochenende fahren. Ich war einer der Wenigen, die zu dem Zeitpunkt mit dem eigenen Wagen (einen VW Käfer) zur Kaserne gekommen waren, und so bot ich an, einige andere Mitstreiter von Schleswig-Holstein mit nach Dortmund zu nehmen. Es wollten noch 4 Personen mitfahren! Also führen wir mit 5 Personen in einem VW Käfer die ganze Strecke zurück nach Dortmund. Ich war immer noch erstaunlich fit. Die anderen 4 schliefen aber im Laufe der Fahrt allesamt vor Erschöpfung ein. Unterhaltung gab es keine mehr. Ich fuhr also mehr oder weniger allein mit mir zurück, die anderen verschliefen die Fahrt weitgehend, bis auf die Zeit einer Pause, die alle benötigten. Als wir auf der A1 kurz vor Münster (Westf) waren, fragte mich einer der Mitfahrer, ob wir denn auch den Zug schaffen würden, den er noch nehmen musste. Wir hatten verabredet, dass ich alle Mitfahrer in Dortmund am Bahnhof absetzen sollte, denn 3 von den 4 Mitfahrern mussten auch noch mit dem Zug weiter…

Aber es war für den Zug, den er beabsichtigte zu nehmen, schon zu spät. Die Uhr zeigte 16:15 Uhr. Ich kannte die Strecke und wir wären erst ca 15-20 Minuten bei guter Verkehrslage nach Abfahrt dort gewesen. Er schlief daraufhin wieder ein….
Kurz nach Münster tauchte auf der Autobahn eine sehr dichte Nebelwand auf. Das war für November nicht wirklich etwas besonders, aber ich musste das Fahrttempo natürlich deutlich zurücknehmen. Der Nebel war einfach zu dicht. Vielleicht fuhr ich 50 oder 60, mehr ging nicht. Es war wirklich kaum etwas zu sehen.
Eine gewisse Zeit fuhr ich durch den dichten Nebel. Die anderen schliefen. Ich weiss nicht mehr genau, wie lange das mit dem Nebel anhielt, aber als der Nebel sehr plötzlich aufhörte, war ich nicht mehr auf der Autobahn. Ich war in der Dortmunder Innenstadt, nur vielleicht 1 KM vom Bahnhof entfernt.
Ich habe mich über diesen Zustand sehr gewundert, aber merkwürdigerweise nicht erschrocken. Kurz darauf fuhren wir auf den Parkplatz am Dortmunder Bahnhof auf. Die Bahnhofsuhr zeigte 16:25 Uhr.

Ich schaute auf die Uhr, schaute nochmal und nochmal, aber die Zeit war korrekt. Auch die Uhr in meinem Auto und meine Armbanduhr zeigte diese Zeit. Ich hatte seit dem Beginn des Nebels ganze 10 Minuten gebraucht, und nicht die Bohne einer Ahnung, wie ich in die Dortmunder Innenstand gekommen war. Nach und nach wachten die anderen auf. Der Mitfahrer, der zwischendurch kurz nach der Zeit gefragt hatte, freute sich, dass er den Zug ja noch locker mitbekam. Er hatte noch reichlich Zeit. Die anderen hatten überhaupt nichts mitbekommen. Wir verabschiedeten uns – aber ich saß erst noch einmal eine ganze Zeit am Bahnhof im Auto und überlegte, was da gerade passiert war…

Ich überlegte, ob ich mich vielleicht mit der Zeit vertan hatte, als wir kurz vor Münster waren. Aber das konnte nicht sein. Die Übung war gegen 11:30 Uhr zuende gewesen. Klamotten einpacken, Leute abholen, tanken fahren – es ging in Neumünster (Schleswig-Holstein) erst gegen 12:00 Uhr los. Dann noch eine Pause zwischendurch für Toilette, etwas essen, etwas trinken. Ca 20 Minuten. Der Nebel zwischendurch mit der deutlich geringeren Geschwindigkeit. Und – ich fuhr einen VW-Käfer, 44 PS, mit einer angegebenen Höchstgeschwindigkeit von 125. Und das war mit 5 Peronen im Auto auch nicht möglich. Die Strecke war etwa 420 KM lang. Selbst bei optimalen Verhältnissen und im Rückblick auf frühere Fahrten, die immer min 4:45 Stunden gedauert hatten, ging das alles nicht.
Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Vielleicht hatte es wieder so etwas wie einen Zeitsprung gegeben. Aber was war mit der Entfernung. Vor Münster war es noch 16:15 Uhr, am Bahnhof in Dortmund aber erst 16:25 Uhr. Über 80 KM in 10 Minuten und das bei dichtem Nebel – Wow! Mit einem VW Käfer. Ich glaube, die Enterprise aus Startreck ist auch nicht schneller. Es muss sich möglicherweise um soetwas wie Teleportation gehandelt haben, ohne das ich davon aber auch nur das Geringste mitbekommen habe. Mache sich jeder seinen eigenen Reim darauf ?

Herzliche Grüße

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